Billets d’humeur

Ein billet d’humeur ist französisch.

„C’est un texte court et subjectif, souvent rédigé dans un style léger, humoristique ou ironique. Il reflète généralement l’opinion personnelle de l’auteur sur un sujet donné. Objectif : Le but principal d’un billet d’humeur est de divertir, de susciter des émotions, de faire réfléchir ou de commenter de manière personnelle et souvent humoristique un événement, une tendance ou un aspect de la vie quotidienne. Style : Le style est souvent libre, personnel et humoristique, et l’auteur peut utiliser des anecdotes, des expressions idiosyncratiques et des réflexions personnelles.“

Die nachfolgenden Sätze von George Santayana sind zwar schon etwas älter, beschreiben aber immer noch eine Wirklichkeit, die nicht verschwunden ist, geschweige denn durchgearbeitet. Sie stehen in der kleinen Studie „Egotism in German Philosophy“ aus dem Jahr 1916 und sind selbstverständlich nie übersetzt worden (wegen Verdachts auf Desinformation, Hetze, Feindpropaganda).

„During more than twenty years, while I taught philosophy at Harvard College, I had continual occasion to read and discuss German metaphysics. From the beginning it wore in my eyes a rather questionable shape. Under its obscure and fluctuating tenets I felt something sinister at work, something at once hollow and aggressive. It seemed a forced method of speculation, producing more confusion than it found, and calculated chiefly to enable practical materialists to call themselves idealists and rationalists to remain theologians.“

Heinrich Heine und Hugo Ball hätten sich vermutlich darüber gefreut, dass außer ihnen noch jemand etwas bemerkt hat: besitzgierige Materialisten, die sich als Idealisten tarnen, Rationalisten, die sinistre Theologen sind…

Und über allen Wassern schwebt das deutsche „Ich“. Es gilt §16 der Denkprozessordnung: „Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte.“ Dagegen Antonin Artaud: „Je suis vacant par stupéfaction de ma langue.“ (Antonin Artaud: Le Pèse-Nerfs)

Gemerkt? Es gibt neuerdings eine disruptive Figur dessen, was im verflossenen Patriarchat „kritischer Intellektueller“ hieß. Der alte, weiße Mann ist mausetot. Seine Nachfolgerin ist divers, non-binär, authentisch; denkt nicht mehr in eindimensionalen Kategorien des Kolonial-Abendländischen wie Émile Zola, Aimé Césaire, Frantz Fanon oder Theodor Adorno. Sie muss auch nicht mehr ödipal-zwanghaft den Konkurrenz-Fight mit Regierung, Polizei, Staatsanwaltschaft, Militär, Kirchenleitung usw. suchen. Dort sitzt sie nämlich – z.B. als Carlo Masala oder Daniela Schwarzer, Stephanie Bapst oder Nico Lange – von Anfang an schon selbst mit drin: in der Regierung, den Geheimdiensten, Unternehmensvorständen, Think Tanks, NATO-Stäben usw. Sie verbindet dort locker und gewieft: Theorie und Praxis, Widerstand und Herrschaft, Revolution und Regierung, Wissenschaft und Unterhaltung. Eine echte concordia discordantium. Deswegen ist der kritische Intellektuelle auch kein langweiliger kritischer Intellektueller mehr (wie früher), sondern – und das ist mehr, sowohl medien- als auch karrieretechnisch –: Forschungsdirektorin im Vorstand des German-Marshall-Fund, NATO-Chef-Strategin, Executive Director bei den Open Society Foundations, Dozent*in an der Hertie School of Governance, CEO der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Redaktionschef*in, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Fellow an der Harvard University, Ministerial-Expert*in (wo auch immer Bedarfe bestehen), Talk-Show-Gast in Dauerschleife. Kurzum: Hier spricht der Weltgeist offen, transparent und auf allen Kanälen mit sich selbst. Wir sitzen da und hören zu. Quasi im Jenseits der Kritik.