
Wissenschaftliche Aufsätze, sagt man, würden im Durchschnitt von 1 bis 2 Personen gelesen. Der Rest ist für die Publikationsliste, die wiederum nur so lange von wirklicher Bedeutung ist, als sie ein Argument im Kampf um „Posten, Posten, Posten“ darstellt, „und wenn es sein muss von der Konkurrenz“ (Bertolt Brecht).
Die Aufsätze, die hier nachzulesen sind, haben mit Publikationslistenverlängerungen und Postenkämpfen nichts zu tun. Ihr Zweck besteht darin, eine Erkenntnis über die in ihnen besprochenen Gegenstände zu gewinnen. Das ist kämpferisch genug.

Im Verlag VS Editor (Lissabon) ist die portugiesische Übersetzung der vor über zehn Jahren in einem kleinen Münchner Seiten-Büro der LMU entstandenen Heiner-Müller-Anthologie „Für alle reicht es nicht.“ Texte zum Kapitalismus“ erschienen: „Não chega para todos.“ Textos sobre o capitalismo.
Da Müller von der westlichen Freiheit (die Freiheit-statt-Sozialismus ist) keine Ahnung hatte, galt der Band spätestens nach der deutschen „Zeitenwende“ – was logisch ist – als geradezu brutal aus der Zeit gefallen.
Das nachfolgende NACHWORT bietet eine Rückübersetzung aus dem Portugiesischen. Es möchte dazu anregen, noch einmal in die alte, deutsche Fassung desselben Nachworts von vor über zehn Jahren zu schauen [https://www.suhrkamp.de/buch/heiner-mueller-fuer-alle-reicht-es-nicht-t-9783518127117] und die Geschichte, aus der Müllers Texte kommen, als ausstehende Zukunft zu begreifen. In ihr wird die Zeitenwende nichts anderes gewesen sein als ein flott eingelegter historischer Rückwärtsgang. Das lässt sich von Lissabon aus offenbar besser beobachten als in Berlin.

Der Aufsatz über die „Gegenwart der Eugenik. Zum Fall Perruche“ ist 2003 in einem von Martin Stingelin herausgegebenen Band (stw 1644) zum Thema „Biopolitik und Rassismus“ erschienen (S. 206-227). Er ist geringfügig überarbeitet und orthographisch angepasst worden.
Ausgehend vom „Fall Perruche“ geht es um die Frage nach dem Wert des Lebens in Gesellschaften, die Menschen vor allem unter dem Gesichtspunkt der Verwertung (Arbeitskraft, Konsument, Kunde, Kanonenfutter, Stakeholder usw.) kennen und deswegen – explizit seit 1920 – über die „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ nachdenken: „Die Beseitigung der geistig völlig Toten ist kein Verbrechen, keine unmoralische Handlung, keine gefühlsmäßige Rohheit, sondern stellt einen erlaubten nützlichen Akt dar.“ [Karl Binding, Alfred Hoche: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form, Leipzig : Felix Meiner 1922, 2. Auflage, S. 57.]

Der Aufsatz „Proletarische Allegorese“ ist im Dezember 2021 in der „Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte“ erschienen. Er regt an, das Märchen von der Säkularisierung neu zu erzählen, nicht nur als Geschichte vom glückseligen Fortschritt. Es ist auch eine ziemlich gruselige Horrorgeschichte.
https://link.springer.com/article/10.1007/s41245-021-00136-4

Wer wissen möchte, warum Spiderman (und seine Freunde: Superman, Iron Man usw.) gar nicht anders kann, als zu siegen bis ans Ende der Zeiten, anders gesagt, warum Apokalypse und Entertainment zusammengehören, wird hier fündig: