Ein billet d’humeur ist französisch.
„C’est un texte court et subjectif, souvent rédigé dans un style léger, humoristique ou ironique. Il reflète généralement l’opinion personnelle de l’auteur sur un sujet donné. Objectif : Le but principal d’un billet d’humeur est de divertir, de susciter des émotions, de faire réfléchir ou de commenter de manière personnelle et souvent humoristique un événement, une tendance ou un aspect de la vie quotidienne. Style : Le style est souvent libre, personnel et humoristique, et l’auteur peut utiliser des anecdotes, des expressions idiosyncratiques et des réflexions personnelles.“

A propos deutsch-französische Beziehungen: 2003 ist im Pariser Verlag Tallandier der Band „La vie à en mourir. Lettres de fusillés 1941-1944“ erschienen: „Ein Leben für das man sterben kann. Briefe der Füsilierten 1941-1944“. Er enthält die Abschiedsbriefe der von deutschen Erschießungskommandos zwischen 1941 und 1944 in Frankreich hingerichteten politischen Gefangenen. Darüber hinaus rekonstruiert er die jeweiligen politischen Kontexte und die Biografien der kommunistischen und gaullistischen Widerstandskämpfer. Herausgegeben wurde der Band von Guy Krivopissko, Kurator am „Musée nationale de la Résistance à Chamipgny“ (https://www.musee-resistance.com/guy-krivopissko-bilan/)
Die Abschiedsbriefe sind in Deutschland nicht veröffentlicht worden, abgesehen von wenigen, die Ernst Jünger als Mitarbeiter im Stab des deutschen Militärbefehlshabers ab 1941 in Paris übersetzt, nach 1945 in seinem Archiv wieder vergessen hat. Jüngers Übersetzung ist zum ersten Mal 2003 in den ‚Vierteljahrsheften“ des Münchner Instituts für Zeitgeschichte erschienen, als Anhang seiner im Nachlass des Marbacher Literaturarchivs wieder aufgetauchten Denkschrift über die Geiselfrage aus den Pariser Jahren. 2011 ist sie im posthumen Band „Zur Geiselfrage. Schilderung der Fälle und ihrer Auswirkungen“ erneut publiziert worden.

Der deutsche Umgang mit den Abschiedsbriefen ist beschämend. Sie existieren nur als Appendix im Text eines literarischen Nazi-Wehrmachtsoffiziers, der die Briefe seinerzeit zum Anlass für pseudo-metaphysische Überlegungen nahm, man könnte auch sagen: für quasi-religiösen Nippes. Auf die Idee, dass man in den dunklen Zeiten auch etwas anderes hätte tun können, als kriminelle Befehle zu befolgen, kommt die soldatische Edelfeder nicht. O-Ton Jünger:
„Ich hatte meiner Schilderung die Übersetzung der Briefe angehängt, in denen die Opfer […] unmittelbar vor dem Tod ihren Nächsten Lebewohl sagten. Sie spiegeln die Größe, die der Mensch gewinnt, wenn er den Willen verabschiedet, die Hoffnung aufgegeben hat. Da steigen andere Signale auf. Nun verlieren sich Furcht und Hass; das ungetrübte Bild des Menschen tritt hervor. Die Welt der Mörder, der grimmigen Rächer, der blinden Massen und Landpfleger versinkt im Dunkel; ein großes Licht wirft seinen Schein voraus.“
Die deutsche Publikationspraxis der Briefe ist, wie gesagt, beschämend. Daran ändert auch Jüngers verschämte Ahnung von der anderen Größe der Résistance nichts. Sie wird weder den Ermordeten und ihren Lebensläufen gerecht noch ihrem politischen Engagement. Man erfährt nichts darüber. Am wenigsten – wie sollte es anders sein – über das anarcho-syndikalistische und kommunistische, dem Louis Aragon immerhin einen mehrbändigen (auf Deutsch im Dietz-Verlag erschienenen) Monumentalroman gewidmet hat: Die Kommunisten. Er ist heute ebenfalls vergessen.
Ein genaueres Bild der Geiselerschießungen als Ernst Jünger vermittelt die Schilderung des Pfarrers von Béré, Abbé Moyon, der im Oktober 1941 ins Lager Choisel gerufen wurde, um den aus ohnmächtiger Rachsucht zum Tode Verurteilten Geiseln Beistand zu leisten. Die Prosa des Dorfpfarrers lässt die Welt nicht im deutschen Dunkel versinken. Sie benennt die Schergen und die Helden.

Nazi-Propaganda-Plakat im besetzten Frankreich gegen Juden, Kommunisten, Rote
Abbé Moyon, Pfarrer von Béré.
Bericht über die Erschießung der siebenundzwanzig Geiseln aus dem Lager Choisel in Châteaubriant am 22. Oktober 1941.
Der 22. Oktober 1941 wird in die Annalen der Stadt Châteaubriant eingehen und für immer im Gedächtnis der Einwohner von Châteaubriant bleiben. Es war ein Tag der Fassungslosigkeit, des tiefsten Mitleids und des Ekels angesichts der Barbarei und Unmenschlichkeit der Deutschen.
Um möglichst genau zu sein, gliedere ich meine Erinnerungen in unterschiedliche Abschnitte:
Äußere Umstände:
Der 22. Oktober war ein wunderbarer Herbsttag. Es war mild, die Sonne schien seit dem frühen Morgen. Die Einwohner von Châteaubriant gingen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach. In der Stadt herrschte reges Treiben, denn es war Mittwoch, Markttag. Die Bevölkerung wusste aus den Zeitungen und durch Mitteilungen aus Nantes, dass in Nantes ein hoher deutscher Offizier erschossen worden war. Niemand hätte sich aber denken können, dass die Deutschen derart grausame Rache an so vielen Menschen nehmen würden. Im Lager Choisel hatten die deutschen Stellen seit einigen Tagen in einer Sonderbarracke eine Anzahl von Männern untergebracht, die im Fall von außergewöhnlichen Schwierigkeiten als Geiseln dienen sollten. Aus der Menge dieser Männer wurden diejenigen ausgewählt, die am Abend des 22. Oktober 1941 erschossen wurden.
Der Pfarrer von Béré hatte gerade das Mittagessen beendet, als Monsieur Moreau, der Chef des Lagers Choisel, bei ihm vorstellig wird. In wenigen Worten erklärt er ihm den Grund seines Kommens. Der Unter-Präfekt von Châteaubriant, Monsieur Lecornu, hatte ihn geschickt, um ihm ausrichten zu lassen, dass aus den politischen Gefangenen im Lager Choisel 27 ausgewählt worden waren, die im Lauf des Nachmittags erschossen würden. Er bitte den Pfarrer darum, sich unverzüglich zu den Gefangenen zu begeben, um ihnen in dieser schweren Stunde beizustehen. Der Pfarrer erklärte sich bereit, diese ebenso bedrückende wie schmerzliche Aufgabe zu übernehmen. Er begab sich sofort zu den Gefangenen.
Ankunft im Lager:
Als der Pfarrer im Lager ankam, um sein Priesteramt auszuüben, befand sich der Unter-Präfekt schon bei den zum Tode Verurteilten. Er war zu ihnen gekommen, um sie über das schreckliche Schicksal aufzuklären, das über sie verhängt worden war. Sie sollten sofort Abschiedsbriefe an ihre Familien schreiben. In diesem Augenblick meldete sich der Pfarrer von Béré am Eingang der Baracke.
Vor der Baracke stand eine Reihe von deutschen Wachsoldaten Gewehr bei Fuß. Um die Baracke herum standen französische Polizisten jeweils im Abstand von etwa sechs Metern Wache. Die Verurteilten waren alle damit beschäftigt, ihre Briefe zu schreiben. Die einen schrieben auf den wenigen Bänken, die im Raum standen, die anderen an den Wänden der Holzbaracke.
Die erste Reaktion der Gefangenen war Verwunderung. Wenn schon der Priester da war, dann würden sie vermutlich schon in aller Kürze hingerichtet werden. Der Pfarrer begriff sofort den Sinn ihres Erstaunens. Er ging auf die Gefangenen zu, bat um einen Augenblick Stille und sagte dann Folgendes: ‚Freunde, ich bin nicht gekommen, um euer Gewissen und eure Überzeugung [als Kommunisten] zu verletzen. Ich bin Priester, wenn manche meinen Dienst in Anspruch nehmen wollen, stehe ich ihnen zur Verfügung. Vor allem aber bin ich gekommen, um die letzten Stunden mit euch zu teilen und euch zu helfen, das große Opfer zu bringen, das man euch abverlangt und euch Mut zu machen zu sterben, wie freie Franzosen sterben. Zeigt denen, die euch hinrichten, all euren Mut, zu dem ihr fähig seid. Zugleich bin ich auch als Vertreter aller Einwohner von Châteaubriand bei euch. Sie alle denken mit tiefstem Mitgefühl an euch, sie sind in Gedanken mit euch und werden euer Andenken für immer bewahren. Was mich selbst angeht, so will ich euch sagen, dass ich als Freund hier bin, mehr noch: als euer Bruder in der Liebe zum Vaterland. Ich stehe euch zur Verfügung und werde alle Briefe, Botschaften, Aufträge, Bitten entgegennehmen.
Kaum waren diese Worte gesprochen, kam ein „Danke“ nach dem anderen über die Lippen der Verurteilten. Jeder beeilte sich, seinen Brief zu Ende zu schreiben und ihn mir zu übergeben. Einer nach dem anderen kam auf mich zu, stellte sich vor und erklärte mir kurz, woher er kam, wer seine nächsten Angehörigen wären. Ich sehe noch Monsieur Timbaud vor mir, wie er dem jungen Môcquet seinen Arm reicht, und habe noch das schöne Gesicht des jungen Mannes von siebzehn Jahren vor mir und höre, wie er sagt: ‚Man wird sich in der Geschichte an mich erinnern. Ich bin der Jüngste der Verurteilten!‘ Ich sehe auch noch den alten Vater Barthélémy vor mir stehen, der mir von seinem Sohn, Eisenbahner in Caen, erzählt. Ich höre noch die Stimme von Monsieur Auffray, der von seiner geliebten Frau und seinen vier Kindern erzählt. Monsieur Michel stellte sich mir als ehemaliger kommunistischer Abgeordneter der Nationalversammlung vor. Ein Stabsarzt in Uniform gab mir noch letzte Botschaften für seine Frau mit auf den Weg und sprach dabei über den Schicksalsschlag, den er und seine Frau gerade vor einem Monat erlitten hatten, als ihr Sohn starb. Eine dreiviertel Stunde lang habe ich auf diese Weise mit den Verurteilten sprechen können.
Die Verurteilten wollten aber auch mir eine wichtige Mitteilung machen; ich habe ihnen aufmerksam zugehört: ‚Herr Pfarrer, sagten sie, wir teilen ihre religiösen Überzeugungen nicht, aber wir teilen mit ihnen die Liebe zu unserem Vaterland. Wir werden für Frankreich sterben. Wir geben unser Leben für unser Land, und wir wollen sterben, damit das Volk von Frankreich glücklich werde. Unser Opfer wird nicht nutzlos gewesen sein, das wissen wir; eines Tages wird es Frucht tragen. Am Anfang eurer Kirche hattet ihr eure Märtyrer, und wie die christlichen Märtyrer Gutes bewirkt haben, so werden auch wir Gutes bewirken. Im Anschluss an diese Erklärung stimmten alle die ‚Marseillaise‘ an. Monsieur Auffray übernahm daraufhin das Wort und sprach zu den Genossen: ‚Wir müssen uns vorbereiten, wir wollen aufrecht sterben. Wir werden uns weigern, uns die Augen verbinden zu lassen, und wir werden sterben mit dem Ruf: ‚Vive la France!.‘ Ein anderer fügte hinzu: ‚Tod für Hitler!‘
Ich beglückwünschte sie zu ihrem großen Mut. Einige Männer fragten mich noch nach den genauen Umständen ihres Todesurteils und wollten wissen, ob ich etwas über den exakten Grund ihrer Verurteilung wisse und ob ich über Ort und Zeit der Hinrichtung Bescheid wisse. Ich antwortete ihnen, dass ich keine genaueren Kenntnisse besäße. Ich wollte sie nicht weiter beunruhigen und ihnen nichts von der Kraft und dem Mut nehmen, den sie hatten.
Abfahrt zur Hinrichtung:
Auf einmal hörte man den Lärm von Kraftfahrzeugen. Die Tür zur Baracke, die ich geschlossen hatte, als ich ankam, um mich ungestört mit den Verurteilten unterhalten zu können, wurde aufgerissen. Französische Polizisten kamen mit Handschellen herein, ein deutscher Offizier stand plötzlich im Raum. In Wahrheit war es ein Militärgeistlicher. Er sagte zu mir: ‚Herr Pfarrer, ihre Aufgabe ist beendet. Sie müssen jetzt das Lager verlassen.‘
Ich wandte mich noch einmal um zu den Verurteilten und sprach zu ihnen: ‚Meine Freunde, ich bin als Vertreter eurer Familien und Angehörigen hier, erlaubt mir, dass ich euch in ihrem Namen ‚Adieu‘ sage; ich will euch allen noch einmal die Hand geben.‘ Alle kamen noch zu mir und drückten mir die Hand. Ich spürte in diesem Augenblick tiefstes Mitleid in meinem Herzen, ein überwältigendes Gefühl der Brüderlichkeit. Ich habe die Männer in diesem Augenblick an der Stelle derer geliebt, die sie auf dieser Erde geliebt hatten.
Ich war nicht mehr dabei, als man ihnen die Handschellen anlegte, und begab mich zum Chef des französischen Lagers. Man hatte sämtliche Gefangenen des Lagers in den Baracken eingeschlossen. Aber aus allen Baracken hörte man jetzt die ‚Marseillaise‘. Innerhalb weniger Minuten wurden die Verurteilten auf die Lastwagen verladen. Auch sie stimmten die Marseillaise an. Dann sangen sie auch noch den „Chant du Départ“ und die „Internationale“. Als sich die Kolonne in Bewegung setzte, bin ich vorausgegangen. Ich wollte so lange wie möglich bei den Verurteilten sein und ihnen Beistand leisten. Die Fahrzeuge überholten mich aber schnell, während die Verurteilten weiter sangen.
Der Zutritt zum Steinbruch, in dem die Hinrichtung stattfand, war allen Franzosen untersagt. Ich weiß nur, dass die Verurteilten in drei Gruppen zu je neun Männern hingerichtet worden sind. Alle weigerten sich, sich die Augen verbinden zu lassen. Der junge Môcquet wurde noch vor der Exekution bewusstlos. Der letzte Schrei all dieser Helden war ein brennendes „Vive la France!“.
Den Familienangehörigen der Verurteilten, die mich besucht haben, habe ich alles erzählt, was ich von ihren lieben Verstorbenen wusste. Ich habe ihnen meine tiefe, brüderliche Verbundenheit zum Ausdruck gebracht und höre seither auch nicht auf, den letzten Wunsch eines der Hingerichteten zu erfüllen: ‚Herr Pfarrer, wenn Sie gegangen sind, müssen Sie für uns beten!“ Auf diese Weise begegne ich all denen, die nicht mehr unter uns sind.
Möge ihr heroisches Opfer Frankreich stark und schön machen, und es vereinen zu seinem Glück und zum Glück der Welt.
Abbé Moyon, Pfarrer von Béré-en-Châteaubriant.

Gedenktafel am Puy de Sancy für drei von Kollaborateuren denunzierte, von der Gestapo in einem Hirtenunterstand („buron“) im April 1944 verbrannte Résistance-Angehörige
Der Abschiedsbrief des 17-jährigen in der Jeunesse Communiste aktiven Guy Môcquet, dessen Klassenkamerad am Lycée Carnot übrigens Gilles Deleuze war, an Odette Nilès vom 22. Oktober 1941.
„Meine kleine Odette, ich werde sterben zusammen mit 26 Genossen, wir sind tapfer. Ich bedauere, dass ich nicht das haben konnte, was du mir versprochen hast. Sei zärtlich umarmt von deinem Genossen, der dich liebt. Guy [Môcquet]“

Es geht das seltsame Gerücht, dass die Bundeswehr das Gedicht „Alle Tage“ von Ingeborg Bachmann als Devise in sämtliche Bataillons-Fahnen einsticken lassen wird. Blutrot auf todschwarzem Grund.
Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
Die Dichterin hätte die Aufstellung der Litauen-Brigade zweifellos unterstützt, sagt das Ministerium aufgrund eines wissenschaftlichen Gutachtens, das von Expert*innen zeitnah zum hundertsten Geburtstag der Dichterin erstellt worden ist. Zwar scheine „Alle Tage“ auf den ersten Blick noch von der Ablehnung des Soldatischen geprägt, wie es nach 1945 Mode war, aber nicht ganz. Bachmann als Demokratin, so die Expert*innen, hätte auf keinen Fall den Russen unterschätzt.

Im Juli 2026 findet at the LMU Munich the European Congress for Metaphysics statt. Englisch hat – obviously – das Latein der mausetoten Scholastiker als Amtssprache der Metaphysiker*innen im Reich der Wahrheit ersetzt.
https://sites.google.com/view/euro-metaphysics-congress/conference-program
Die Zeichen des Fortschritts sind untrüglich. Mitten in München-Schwabing wird eine historische Zwischenzeit zu Ende gegangen sein: die Epoche der Nationalsprachen, der Aufklärung, der Volkssouveränität, der Zwangsheterosexualität, der ungebildeten Vulgarität, der allen Menschen gegebenen Vernunft und des „bon sens“. Nichts als krasse Irrtümer, die vor allem René Descartes seinerzeit in die Welt gesetzt hat, als er sich, was die Metaphysik angeht, vom wahren, universalen Pfaffenlatein ab- und der Vulgärsprache zuwandte. Er hatte 1637 tatsächlich geschrieben (im „Discours de la méthode“)
„Et si j’escris en François, qui est la langue de mon païs, plutost qu’en Latin, qui est celle de mes Precepteurs, c’est a cause que j’espere que ceux qui ne se servent que de leur raison naturelle toute pure, jugeront mieux de mes opinions, que ceux qui ne croyent qu’aux livres anciens. Et pour ceux qui joignent le bon sens avec l’estude, lesquels seuls je souhaite pour mes juges, ils ne seront point, je m’asseure, si partiaux pour le Latin, qu’ils refusent d’entendre mes raisons, pourceque je les explique en langue vulgaire.“
Diese und andere Sätze muss man deswegen nicht mehr übersetzen (geschweige denn verstehen), weil sie erstens historisch überwunden, zweitens national vulgär, drittens nicht englisch und glatte Kommunikationsverweigerung sind. Alles in allem heißt das: Wir sind endlich wieder im Einen Reich der universalen Wahrheit angekommen, wo die Gebildeten sich über alle Grenzen hinweg universal verständigen können, sozusagen auf Augenhöhe mit dem Einen Weltmarkt und der AI aus Kalifornien. Wie Margarete sagte (noch auf Deutsch): „Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen!“

Um es wie die „taz“ oder die „SZ“ zu Wim Wenders‘ Sexismus (in „Falsche Bewegung“) zu sagen: Genau betrachtet, war schon die Harfner-Mignon-Episode in Goethes „Lehrjahren“ von 1795 nicht okay: Inzest, Eiertanz, fahrendes Volk. Und die Goethe-Adaption Handkes (mit dem sich selbst geißelnden Nazi als Harfner) war auch nicht okay. Logisch. Man hätte es 1975 wissen können. Stattdessen gab es als Befreiung getarnten RAF-Terrorismus, unzählige Schulmädchenreporte, Bundesfilmpreise. Dass Wilhelm Meister, überhaupt: Bildungsromane, sozio-historische Geschlechtercodes, sich selbst geißelnde Inzest-Nazis und die toten Seelen von Deutschland weder in der „taz“ noch der „SZ“ erwähnt werden, ist insofern verständlich, als das erstens alles sehr lange her ist und zweitens der Kind-Frau Mignon im Goethe-Roman Wörter in den Mund gelegt worden waren, die schon 1795 eine ganz unerträgliche Männerfantasie waren, was Klaus Theweleit 1977 entdeckt hat:
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
Eben! „Wo hoch der Lorbeer steht!“ Muss man sich vorstellen: Mignon singt diese Verse! Ein Kind der Männerliteratur! Dass sie, also Frau Kinski, nach „Falsche Bewegung“ Filme drehen musste wie „Die Braut des Satans“ oder „Leidenschaftliche Blümchen“ ist logisch.
Ansonsten hat Rüdiger Suchsland auf „artechock“ das Nötige gesagt:
https://www.artechock.de/film/text/artikel/2026/06_11_cinema_moralia_391.html

Schade, dass man den Epstein-Skandal noch nicht pädagogisch genutzt hat. Man könnte zum Beispiel die Aktualität von Shakespeare-Versen beweisen:
Gold? Kostbar, flimmernd, rotes Gold? Nein, Götter!
Es macht schwarz weiß, hässlich schön;
Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel
Ja, dieser rote Sklave löst und bindet
Geweihte Bande; segnet den Verfluchten;
Er macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb
Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluss
Im Rat der Senatoren; dieser führt
Der abgebrauchten Witwe Freier zu;
Ja sie, vor der Spital und Eiterbeulen
Der Ekel packen würd, gewinnt dadurch
Den Maienduft zurück. Verdammt Metall,
Gemeine Hure du der Menschen, die
Der Völker Streit erregt.
[Shakespeare: Timon von Athen, 4. Akt, 3. Szene]
Genauso schade ist, dass noch niemand an Marx‘ Kommentar zu denselben Versen erinnert hat.
Shakespeare schildert das Wesen des Geldes trefflich. Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Ich bin hässlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht hässlich, denn die Wirkung der Hässlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet. Ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer. Das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer gut; ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche? Wenn das Geld das Band ist, das mich an das menschliche Leben, das mir die Gesellschaft, das mich mit der Natur und den Menschen verbindet, ist das Geld nicht das Band aller Bande?
[Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, Heft III (Geld)]
Zu Shakepeares und Marx‘ Sätzen passen wiederum Verse aus Bernard Mandevilles „Bienenfabel“ (aus dem Jahr 1705), deren Titel „Private Vices, Publick Benefits“ man gern als Devise in die Fassade von Finanzämtern eingemeißelt sähe. Mandeville – wie Shakespeare und Marx – legt den Gedanken nahe, dass eine Figur wie Jeffrey Epstein im Kapitalismus keine Ausnahme, sondern die Regel ist.
Von Lastern frei zu sein, wird nie
Was andres sein als Utopie.
Stolz, Luxus und Betrügerei
Muss sein, damit ein Volk gedeih‘.
[Bernard Mandeville: Bienenfabel, London 1705]

Die Biegsamkeit („flexibility“) der deutschen Geistes- und Kulturwissenschaftler*innen ist kunstreiter*innenhaft. Es gibt keine Revolution, Machtergreifung, Zeitenwende, die sie nicht umgehend bespielen könnten beziehungsweise zu der ihnen nicht etwas einfiele (wie Hannah Arendt sagte). Unter den wohlwollenden Peitschenhieben der Direktion, Drittmittel, Projektförderungen, Stellenzulagen, Mitarbeiterstellen, drehen die Wende-Artisten sich wie geschmiert: performative turn, postcolonial turn, translational turn, spatial turn, iconic turn, turn, turn, turn. Robert Musil hat die Bedingung der Möglichkeit dafür beschrieben (im „Mann ohne Eigenschaften“, der Frauen ohne Eigenschaften mit einschließt): „Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.“ Sie ist voll der Loser!

A propos „flexibility“: Die Münchner Siemens Stiftung wird zum Sommersemester 2026 eine Vortragsreihe abfackeln, deren Geistes-Blitze die Lightshow von Tame Impala in den Schatten stellen dürften. Geistig! Quasi Heraklit-artig! (vgl. Fragment 64: „ta de panta oiakizei Keraunos“) Die Reden stehen unter dem Motto der HOFFNUNG. Was nicht nur nach Kirchentag und kriegsertüchtigend klingt, sondern auch ist. Der Militär-Filosof Sönke Neitzel wird am Südlichen Schlossrondell den Durchbruch an der Pazifisten-Front herbeiargumentieren: „Europa hat viele brillante Köpfe, eine leistungsfähige Wirtschaft, exzellente Hochschulen. Es muss sein Potential im Verteidigungsbereich nur zu nutzen wissen.“ Der Germanist Heinrich Detering wiederum wird mit Goethe (und – als echter Demokrat – dem Kommunistischen Manifest!) eine super-resiliente Gesellschaft aus dem Hut zaubern, die aus „einer tödlichen Krise genesen kann, indem sie die freie Entfaltung jedes einzelnen zur Bedingung der freien Entwicklung aller macht“. Wenn nämlich der König sich nicht frei entfalten kann, dann ist es auch mit der Entfaltung der Untertanen nichts! (Hatten die Revolutionsfranzosen nicht kapiert seinerzeit, die DDR-Kommunisten dann auch nicht.)
Andererseits: Kriege? Apokalypse? Durchbrüche? Blitze? Goethe? Hatten wir das nicht schon mal? Richtig. Sogar zwei Mal. Aber was für die Bundeswehr gilt, gilt auch für die Siemensstiftung: „Tradition und Traditionspflege sind unverzichtbarer Bestandteil ihrer Identität.“ Denn irgendwann, meint Filosof Neitzel, müssen wir ja auch mal nicht verlieren!

In ärmeren Wahlkreisen (dort, wo die Unterschicht zuhause ist) liegen Kandidaten der AfD regelmäßig ziemlich vorne. Kaiserslautern zum Beispiel. Der Magdeburger Philosoph Frieder Linckerhand merkt dazu an: „Das ist, scheint mir, eine logische Folge jenes Prozesses, der sich in der Ära Schröder-Fischer politisch durchgesetzt hat und von postmodernen Linken in der BRD theoretisch vorbereitet worden war – von K-Gruppen-Renegaten wie Koenen, Fücks oder Schlögel, die den Liberalismus und den Anti-Kommunismus für sich entdeckten, den grünen Spätausläufern der Frankfurter Schule oder den Antideutschen, die in jeder/m linken Gewerkschafter*in die deutsche Nazi-Arbeitsfront bekämpfen –, nämlich des Prozesses, der nach und nach dazu geführt hat, dass die alte Linke, die noch eine Verbindung zu den Unterschichten und sozial Benachteiligten hatte, die Schlüssel zu ihrem eigenen Schicksal in die Hände einer neuen, urbanen Elite legte. Deren Vertreter sind hypermobil, akademisch hochqualifiziert, anglophon, von ihrer moralischen, sexuellen und intellektuellen Überlegenheit zutiefst überzeugt. Ihr Glaubenssystem besteht aus Wahrheiten der cultural, gender, post-colonial usw. studies (aus den us-amerikanischen Elite-Universitäten) und ist zur dominanten Religion auch der europäischen Medien- und Universitätswelt geworden. Es ist kein Zufall, dass die liberale Linke umso größere Chancen hat, eine Stadt zu erobern, je höher dort der Quadratmeterpreis ist!“
Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT titelte im Sinn Frieder Linckerhands, fast schon rustikal: „Reiche wählen Grün, ärmere Menschen tendieren zu CDU und AfD.“
Und auch die Münchner Kommunalwähler*innen pflichten Linckerhand bei. In fünfzehn Bezirksausschüssen der zentralen Innenstadt stehen die Grünen an der Spitze, dort, wo die Menschen hip, urban und die Quadratmeterpreise hoch sind. In neun altbürgerlichen Stadtrandbezirken liegt die CSU vorne. Arme können sich die Stadt sowieso nicht leisten oder haben mangels Wahlberechtigung (sowie Deutschkenntnissen und richtiger Staatsbürgerschaft) von vornherein nichts zu sagen.

Ein „signum prognostikon“ für „das beständige Fortschreiten des menschlichen Geschlechts zum Besseren“ (Kant) kann man vielleicht im Hauptsitz der 2002 von deutschen DAX-Unternehmen gegründeten „European School of Management and Technology“ erblicken. Der Hauptsitz der ESMT befindet sich im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR (Schlossplatz 1, 10178 Berlin). Das Kuratorium der ESMT-Stiftung, das den Staatsrat der abgewickelten Ostzone ersetzt, räumlich jedenfalls, besteht aus dem Chief Executive Officer der Mercedes-Benz Group AG sowie dem Chief Executive Officer der Deutschen Bank. Beständiger zum Besseren des menschlichen Geschlechts kann eigentlich nicht fortgeschritten werden. Im Nachhinein ergibt sich das aus der deutschen Geschichte, wo das Schlechte immer besiegt wird und verschwindet: wie zum Beispiel der Staatsrat der DDR oder die Firma „Goldfisch“. Ob es sich auch im Vorhinein daraus ergibt, das wusste Kant nicht so genau. Wie man auf gut deutsch sagt: Time will tell.

Die nachfolgenden Sätze von George Santayana sind zwar schon etwas älter, beschreiben aber immer noch eine Wirklichkeit, die nicht verschwunden ist, geschweige denn analytisch durchgearbeitet. Sie stehen in der kleinen Studie „Egotism in German Philosophy“ aus dem Jahr 1916 und sind selbstverständlich nie übersetzt worden (wegen Verdachts auf Desinformation und Hetze beziehungsweise Feindpropaganda).
„During more than twenty years, while I taught philosophy at Harvard College, I had continual occasion to read and discuss German metaphysics. From the beginning it wore in my eyes a rather questionable shape. Under its obscure and fluctuating tenets I felt something sinister at work, something at once hollow and aggressive. It seemed a forced method of speculation, producing more confusion than it found, and calculated chiefly to enable practical materialists to call themselves idealists and rationalists to remain theologians.“
Heinrich Heine und Hugo Ball hätten sich darüber gefreut, dass außer ihnen noch jemand etwas bemerkt hat: besitzgierige Materialisten, die sich als Idealisten tarnen, Rationalisten, die in theologischen Pantoffeln gehen…
Und über allen Wassern wandelt das deutsche „Ich“. Es gilt §16 der Denkprozessordnung: „Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte.“ Dagegen Antonin Artaud: „Je suis vacant par stupéfaction de ma langue.“ (Antonin Artaud: Le Pèse-Nerfs)

Gemerkt? Es gibt neuerdings eine disruptive Figur dessen, was im verflossenen Patriarchat „kritischer Intellektueller“ hieß. Seine Nachfolgerin ist divers, non-binär, authentisch; denkt nicht mehr in eindimensionalen Kategorien des Kolonial-Abendländischen wie früher Émile Zola, Aimé Césaire oder Theodor Adorno. Sie muss auch nicht ödipal-zwanghaft den Konkurrenz-Fight mit Regierung, Kapital, Staatsanwaltschaft, Militär usw. suchen. Dort sitzt sie nämlich – z.B. als Carlo Masala oder Daniela Schwarzer, Stephanie Bapst oder Nico Lange – von Anfang an schon aktiv gestaltend mit drin: in der Regierung, den Geheimdiensten, Unternehmensvorständen, Think Tanks, NATO-Stäben usw. Dort verbindet sie telegen und elegant: Theorie und Praxis, Widerstand und Herrschaft, Revolution und Regierung, Wissenschaft und Unterhaltung. Eine echte concordia discordantium. Deswegen ist der kritische Intellektuelle auch kein kritischer Intellektueller mehr (wie früher), sondern – und das ist mehr, sowohl medien- als auch karrieretechnisch –: Forschungsdirektorin im Vorstand des German-Marshall-Fund, NATO-Chef-Strategin, Executive Director bei den Open Society Foundations, Dozent*in an der Hertie School of Governance oder der European School of Management and Technology, CEO der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Botschafter*in a.D., Redaktionschef*in, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Fellow an der Harvard University, Senior Advisor Global Affairs at Schaeffler, Fisher Fellow at Harvard Kennedy School, Adjunct Professor at Georgetown University, Ministerial-Expert*in (wo auch immer Bedarfe bestehen), Talk-Show-Gast in Dauerschleife (in der Premium Economy Class). Kurzum: Hier spricht der Weltgeist offen, transparent und unüberhörbar mit sich selbst. Wir sitzen da und hören zu. Quasi im Jenseits der Kritik.