Billets d’humeur

Ein billet d’humeur ist französisch.

„C’est un texte court et subjectif, souvent rédigé dans un style léger, humoristique ou ironique. Il reflète généralement l’opinion personnelle de l’auteur sur un sujet donné. Objectif : Le but principal d’un billet d’humeur est de divertir, de susciter des émotions, de faire réfléchir ou de commenter de manière personnelle et souvent humoristique un événement, une tendance ou un aspect de la vie quotidienne. Style : Le style est souvent libre, personnel et humoristique, et l’auteur peut utiliser des anecdotes, des expressions idiosyncratiques et des réflexions personnelles.“

Schade, dass man den Epstein-Skandal noch nicht pädagogisch genutzt hat. Man könnte zum Beispiel die Aktualität von Shakespeare-Versen beweisen:

Gold? Kostbar, flimmernd, rotes Gold? Nein, Götter!
Es macht schwarz weiß, hässlich schön;
Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel

Ja, dieser rote Sklave löst und bindet
Geweihte Bande; segnet den Verfluchten;
Er macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb
Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluss
Im Rat der Senatoren; dieser führt
Der abgebrauchten Witwe Freier zu;
Ja sie, vor der Spital und Eiterbeulen
Der Ekel packen würd, gewinnt dadurch
Den Maienduft zurück. Verdammt Metall,
Gemeine Hure du der Menschen, die
Der Völker Streit erregt.

[Shakespeare: Timon von Athen, 4. Akt, 3. Szene]

Genauso schade ist, dass noch niemand an Marx‘ Kommentar zu denselben Versen erinnert hat.

Shakespeare schildert das Wesen des Geldes trefflich. Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Ich bin hässlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht hässlich, denn die Wirkung der Hässlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet. Ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer. Das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer gut; ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche? Wenn das Geld das Band ist, das mich an das menschliche Leben, das mir die Gesellschaft, das mich mit der Natur und den Menschen verbindet, ist das Geld nicht das Band aller Bande?

[Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, Heft III (Geld)]

Zu Shakepeares und Marx‘ Sätzen passen wiederum Verse aus Bernard Mandevilles „Bienenfabel“ (aus dem Jahr 1705), deren Titel „Private Vices, Publick Benefits“ man gern als Devise in die Fassade von Finanzämtern eingemeißelt sähe. Mandeville – wie Shakespeare und Marx – legt den Gedanken nahe, dass eine Figur wie Jeffrey Epstein im Kapitalismus keine Ausnahme, sondern die Regel ist.

Von Lastern frei zu sein, wird nie
Was andres sein als Utopie.
Stolz, Luxus und Betrügerei
Muss sein, damit ein Volk gedeih‘.

[Bernard Mandeville: Bienenfabel, London 1705]

Ein Excellenz-Soziologe hat soeben Karl Marx, Richard Wagner, DIE LINKE und andere Rechtsextremisten als Antisemiten entlarvt. Ihre geheimsten Motive, Paradoxien, Denkfehler freigeputzt. Resultat: Alles, was ihnen an sich und anderen nicht gefällt, schieben sie auf die Israelis, um damit ihren Judenhass zu tarnen. Und umgekehrt. Seit Marx! Mit seinen Erkenntnissen steht der Professor politisch im Einklang mit sämtlichen Berliner Ministerien. Aufs Ganze gesehen, kann er die Funktion der Systemtheorie eindrucksvoll bestätigen. Wie es im kommenden Oktoberfest-Hit heißt: „Jo, do legst di hi // Vom Sisdem sin mia die Theorie!“

Die Biegsamkeit („flexibility“) der deutschen Geistes- und Kulturwissenschaftler*innen ist kunstreiter*innenhaft. Es gibt keine Revolution, Machtergreifung, Zeitenwende, die sie nicht umgehend bespielen könnten beziehungsweise zu der ihnen nicht etwas einfiele (wie Hannah Arendt sagte). Unter den wohlwollenden Peitschenhieben der Direktion, Drittmittel, Projektförderungen, Stellenzulagen, Mitarbeiterstellen, drehen die Wende-Artisten sich wie geschmiert: performative turn, postcolonial turn, translational turn, spatial turn, iconic turn, cross cultural hier, queer da. Robert Musil hat die Bedingung der Möglichkeit dafür beschrieben (im „Mann ohne Eigenschaften“, der Frauen ohne Eigenschaften mit einschließt): „Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.“ Sie ist voll der Loser!

A propos „flexibility“: Die Münchner Siemens Stiftung wird zum Sommersemester 2026 eine Vortragsreihe abfackeln, deren Geistes-Blitze die Lightshow von Tame Impala in den Schatten stellen dürften. Geistig! Die Reden stehen unter dem Motto HOFFNUNG. Was nicht nur nach Kirchentag und kriegsertüchtigend klingt, sondern auch ist. Der Militär-Filosof Sönke Neitzel wird am Südlichen Schlossrondell den Durchbruch an der Pazifisten-Front herbeiargumentieren: „Europa hat viele brillante Köpfe, eine leistungsfähige Wirtschaft, exzellente Hochschulen. Es muss sein Potential im Verteidigungsbereich nur zu nutzen wissen.“ Der Germanist Heinrich Detering wiederum wird mit Goethe eine super-resiliente Gesellschaft aus dem Hut zaubern, die aus „einer tödlichen Krise genesen kann, indem sie die freie Entfaltung jedes einzelnen zur Bedingung der freien Entwicklung aller macht“. Wenn nämlich der König sich nicht frei entfalten kann, ist es auch mit der Entfaltung der Untertanen nichts! (Hatten die Revolutionsfranzosen nicht kapiert seinerzeit.) Andererseits: Kriege? Apokalypse? Durchbrüche? Goethe? Hatten wir das nicht schon mal? Richtig. Sogar zwei Mal. Aber was für die Bundeswehr gilt, gilt auch für die Siemensstiftung: „Tradition und Traditionspflege sind unverzichtbarer Bestandteil ihrer Identität.“ Denn irgendwann, meint Filosof Neitzel, müssen wir ja auch mal nicht verlieren!

In ärmeren Wahlkreisen (dort, wo die Unterschicht zuhause ist) liegen Kandidaten der AfD regelmäßig ziemlich vorne. Kaiserslautern zum Beispiel. Der Magdeburger Philosoph Frieder Linckerhand merkt dazu an: „Das ist, scheint mir, eine logische Folge jenes Prozesses, der sich in der Ära Schröder-Fischer politisch durchgesetzt hat und von postmodernen Linken in der BRD theoretisch vorbereitet worden war – von K-Gruppen-Renegaten wie Koenen, Fücks oder Schlögel, die den Liberalismus und den Anti-Kommunismus für sich entdeckten, den grünen Spätausläufern der Frankfurter Schule oder den Antideutschen, die in jeder/m linken Gewerkschafter*in die deutsche Nazi-Arbeitsfront bekämpfen –, nämlich des Prozesses, der nach und nach dazu geführt hat, dass die alte Linke, die noch eine Verbindung zu den Unterschichten und sozial Benachteiligten hatte, die Schlüssel zu ihrem eigenen Schicksal in die Hände einer neuen, urbanen Elite legte. Deren Vertreter sind hypermobil, akademisch hochqualifiziert, anglophon, von ihrer moralischen, sexuellen und intellektuellen Überlegenheit zutiefst überzeugt. Ihr Glaubenssystem besteht aus Wahrheiten der cultural, gender, post-colonial usw. studies (aus den us-amerikanischen Elite-Universitäten) und ist zur dominanten Religion auch der europäischen Medien- und Universitätswelt geworden. Es ist kein Zufall, dass die liberale Linke umso größere Chancen hat, eine Stadt zu erobern, je höher dort der Quadratmeterpreis ist!“

Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT titelte im Sinn Frieder Linckerhands, fast schon rustikal: „Reiche wählen Grün, ärmere Menschen tendieren zu CDU und AfD.“

Und auch die Münchner Kommunalwähler*innen pflichten Linckerhand bei. In fünfzehn Bezirksausschüssen der zentralen Innenstadt stehen die Grünen an der Spitze, dort, wo die Menschen hip, urban und die Quadratmeterpreise hoch sind. In neun altbürgerlichen Stadtrandbezirken liegt die CSU vorne. Arme können sich die Stadt sowieso nicht leisten oder haben mangels Wahlberechtigung (sowie Deutschkenntnissen und richtiger Staatsbürgerschaft) von vornherein nichts zu sagen.

Ein „signum prognostikon“ für „das beständige Fortschreiten des menschlichen Geschlechts zum Besseren“ (Kant) kann man vielleicht im Hauptsitz der 2002 von deutschen DAX-Unternehmen gegründeten „European School of Management and Technology“ erblicken. Der Hauptsitz der ESMT befindet sich im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR (Schlossplatz 1, 10178 Berlin). Das Kuratorium der ESMT-Stiftung, das den Staatsrat der abgewickelten Ostzone ersetzt, räumlich jedenfalls, besteht aus dem Chief Executive Officer der Mercedes-Benz Group AG sowie dem Chief Executive Officer der Deutschen Bank. Beständiger zum Besseren des menschlichen Geschlechts kann eigentlich nicht fortgeschritten werden. Im Nachhinein ergibt sich das aus der deutschen Geschichte, wo das Schlechte immer besiegt wird und verschwindet: wie zum Beispiel der Staatsrat der DDR oder die Firma „Goldfisch“. Ob es sich auch im Vorhinein daraus ergibt, das wusste Kant nicht so genau. Wie man auf gut deutsch sagt: Time will tell.

Die nachfolgenden Sätze von George Santayana sind zwar schon etwas älter, beschreiben aber immer noch eine Wirklichkeit, die nicht verschwunden ist, geschweige denn analytisch durchgearbeitet. Sie stehen in der kleinen Studie „Egotism in German Philosophy“ aus dem Jahr 1916 und sind selbstverständlich nie übersetzt worden (wegen Verdachts auf Desinformation und Hetze beziehungsweise Feindpropaganda).

„During more than twenty years, while I taught philosophy at Harvard College, I had continual occasion to read and discuss German metaphysics. From the beginning it wore in my eyes a rather questionable shape. Under its obscure and fluctuating tenets I felt something sinister at work, something at once hollow and aggressive. It seemed a forced method of speculation, producing more confusion than it found, and calculated chiefly to enable practical materialists to call themselves idealists and rationalists to remain theologians.“

Heinrich Heine und Hugo Ball hätten sich darüber gefreut, dass außer ihnen noch jemand etwas bemerkt hat: besitzgierige Materialisten, die sich als Idealisten tarnen, Rationalisten, die in theologischen Pantoffeln gehen…

Und über allen Wassern wandelt das deutsche „Ich“. Es gilt §16 der Denkprozessordnung: „Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte.“ Dagegen Antonin Artaud: „Je suis vacant par stupéfaction de ma langue.“ (Antonin Artaud: Le Pèse-Nerfs)

Gemerkt? Es gibt neuerdings eine disruptive Figur dessen, was im verflossenen Patriarchat „kritischer Intellektueller“ hieß. Seine Nachfolgerin ist divers, non-binär, authentisch; denkt nicht mehr in eindimensionalen Kategorien des Kolonial-Abendländischen wie früher Émile Zola, Aimé Césaire oder Theodor Adorno. Sie muss auch nicht ödipal-zwanghaft den Konkurrenz-Fight mit Regierung, Kapital, Staatsanwaltschaft, Militär usw. suchen. Dort sitzt sie nämlich – z.B. als Carlo Masala oder Daniela Schwarzer, Stephanie Bapst oder Nico Lange – von Anfang an schon aktiv gestaltend mit drin: in der Regierung, den Geheimdiensten, Unternehmensvorständen, Think Tanks, NATO-Stäben usw. Dort verbindet sie telegen und elegant: Theorie und Praxis, Widerstand und Herrschaft, Revolution und Regierung, Wissenschaft und Unterhaltung. Eine echte concordia discordantium. Deswegen ist der kritische Intellektuelle auch kein kritischer Intellektueller mehr (wie früher), sondern – und das ist mehr, sowohl medien- als auch karrieretechnisch –: Forschungsdirektorin im Vorstand des German-Marshall-Fund, NATO-Chef-Strategin, Executive Director bei den Open Society Foundations, Dozent*in an der Hertie School of Governance oder der European School of Management and Technology, CEO der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Botschafter*in a.D., Redaktionschef*in, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Fellow an der Harvard University, Senior Advisor Global Affairs at Schaeffler, Fisher Fellow at Harvard Kennedy School, Adjunct Professor at Georgetown University, Ministerial-Expert*in (wo auch immer Bedarfe bestehen), Talk-Show-Gast in Dauerschleife (in der Premium Economy Class). Kurzum: Hier spricht der Weltgeist offen, transparent und unüberhörbar mit sich selbst. Wir sitzen da und hören zu. Quasi im Jenseits der Kritik.