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Der Essayband „Nach dem Poststrukturalismus. Französische Fragen der 1990er und 2000er Jahre“ ist 2014 im Verlag Turia + Kant erschienen (inzwischen vergriffen). Er stellte Autorinnen der 1990er und 2000er Jahre vor, u.a. Mara Goyet, Maurice Dantec, Alain Supiot, Olivier Rolin, Gilles Châtelet. In der deutschen Öffentlichkeit waren die meisten von ihnen nur am Rande wahrgenommen oder, wie im Fall Maurice G. Dantec, vollkommen ignoriert worden. Der Grund für die Publikation lag auf der Hand. Die Essays wollten das Interesse für französische Debatten nach den spektakulären Diskussionen der 1960er und 1970er Jahre wecken.

Nach 1990 hatte in der Bundesrepublik das Interesse an französischen Fragen abgenommen. Die Intellektuellen des Tages hießen Fukuyama, Goldhagen, Butler, Spivak, Greenblatt, Huntington. Es ging nicht mehr um den Pariser Mai 68, Fluchtwege aus dem Kapitalismus, Marx-Lektüren, rebellische Medien, Analysen von Machttechnologien, Eurokommunismus u. dgl., sondern um die liberal-libertäre Gegenwart des Westens: freedom and democracy, Marktkontrolle, Traumaforschung, Rendite, human rights, pursuit of happyness.

Die Transatlantiker hatten 1990 den Krieg gewonnen. Die Sowjets zogen aus Berlin ab. Und mit ihnen gingen auch die Franzosen. Der kleine Pariser Wanderzirkus, der unter der schwarz-roten Fahne des „Poststrukturalismus“ ein Jahrzehnt lang durch die west-deutschen Universitäten getingelt war, um dort Clowns- und Zaubernummern über verbotene, weil politisch unzuverlässige deutsche Philosophie (Nietzsche, Marx, Reich, Heidegger, Schmitt, Clausewitz u.a.), über den Wahn der Vernunft und gespaltene Subjekte vorzuführen, fuhr ebenfalls wieder nach Hause. Die Artisten setzten sich zur Ruhe und verstarben alsbald. Ihre Schülerinnen zerstreuten sich in aller Herren Länder, u.a. an die Westküste Nordamerikas.

Welch eine Fügung! Die Wacht am Rhein stand nach 1990 schöner und fester als zuvor. Das Bollwerk gegen den Pariser Irrationalismus hatte gehalten. Man konnte sich ab sofort ungestört der Frankfurter Diskursethik, der Lektüre hipper, deutscher Popmagazine, dem Ausbau des EU-Binnenmarkts, den Balkankriegen, der Festigung der deutsch-amerikanischen Freundschaft (DAF) oder dem Börsengang der Bahn widmen. Diskurs- und revolutionsselige Franzosen redeten nicht länger dazwischen. Es gab keinen Grund mehr, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen, nicht mit metaphysischen Cyberpunks wie Dantec, nicht mit anti-kapitalistischen Juristen wie Alain Supiot, nicht mit Fragen der „laïcité“ (die in Deutschland angeblich schon seit Martin Luther geklärt sind), nicht mit Gilles Châtelets Abrechnung mit den Markt-Demokratien voller Neid, Gier und Langeweile. Wozu noch Paris? Europa war liberaler, demokratischer, post-nationaler geworden (als die Franzosen sich denken konnten), gerade in Deutschland – wo die „Generation Golf“ sich anschickte, in die Fußstapfen ihrer deutsch-nationalen Ahnen zu treten!

Unter diesen Bedingungen war einem Buch, das für französische Fragen werben wollte, kein großer Erfolg beschieden. Das Berliner Zentralorgan der bourgeoisen Bohème, SPEX, fand den Band langweilig und uninteressant. Immerhin bestätigte der Verriss die im Buch entfaltete Diagnose: dass die intellektuelle deutsche Öffentlichkeit sich für französische Debatten (etwa über Arbeitsrechtsreformen, Depressionen im Neoliberalismus, erbarmungslose Medien-Kunst, die Bedeutung der Verschleierung, das Überleben des Nationalsozialismus in Europa) nicht länger interessierte. Angesagt waren cultural, gender, intersectional, post-colonial, race studies, vornehmlich aus exzellent teuren, us-amerikanischen Elite-Universitäten. Französisch lernten immer weniger, es wirkte ein bisschen alt-modisch. An der Münchner Freiheit oder am Wriezener Park zelebrierte man lässig Global-Pop-Culture und zeigte dem Rest, wo’s lang ging. Internet. Tekkno. Marketing. Visibility. Serendipity. Hey.

Dass das Desinteresse an Pariser Debatten dennoch borniert und etwas blasiert sein könnte, dass sich daraus längerfristig Probleme für den alten Kontinent (der bekanntlich der Westzipfel Sibiriens ist) und seine republikanischen Traditionen ergeben könnten, leuchtete nur wenigen ein.

Das Schöne an Texten ist: Sie stehen einfach da, haben Zeit und Geduld, vor allem dann, wenn die Gegenstände und Fragen, von denen sie sprechen, real sind.